Konzept

Warum Naturkindergarten?
Oder: Was brauchen unsere Kinder, was brauchen wir, um zu leben?

 

Wir alle haben ein Leben in München gewählt und genießen die vielfältige Kultur unserer Großstadt. Die verschiedenen Menschen, die mit ihren Geschichten und ihren Träumen dicht an dicht beisammen leben, bereichern unser Miteinander. Wir Erwachsenen suchen genau diese Möglichkeit zur geistigen Entfaltung und nutzen das vielfältige Angebot. Gleichzeitig bedeutet diese Enge oft sozialen Stress für uns – und vor allem für unsere Kinder. Sie haben oft mit einer Reizüberflutung zu kämpfen. Aber gerade die Ruhe und das Innehalten sind elementare Erfahrungen für eine gesunde Ich-Entwicklung. Kinder in der Großstadt haben sehr wenig Platz zur Verfügung. Ihr Lebensraum sind meist enge Wohnungen, Straßen und vorgefertigte Spielplätze. Kinder brauchen eine lebendige Umgebung und Raum für eigenes Erleben. Sie wollen sich bewegen dürfen, rennen, klettern und auch mal laut sein. Sie wollen sich selber und ihre Umwelt entdecken. In aller Ruhe und in ihrem Tempo. Die Natur ist der bunteste Spielplatz auf unserer Mutter Erde, sie ist vielseitig und reizarm zugleich. Umgeben von Sonne, Licht und Wind lernen sie hier, sich selber und allem Lebendigen mit Respekt und Liebe zu begegnen.

Einige wichtige Punkte:

Die Kinder werden morgens zwischen 8.15 und 8.45 Uhr zum Bauwagen gebracht. Das Begrüßungsritual wird mit allen zusammen um 8.45 Uhr abgehalten; im Anschluss daran findet eine Einstimmung auf ein bestimmtes Tagesthema oder den allgemeinen Tagesablauf statt. Danach wandert die Gruppe zu einem vereinbarten Ziel. Zum Transport von verschiedenen Utensilien, aber auch um die kleineren und evtl. müden Kinder zu transportieren, wird ein Leiterwagen mitgenommen. Am vereinbarten Punkt angekommen (ca. 10.30 Uhr) wird nach dem Händewaschen (Eimer mit Wasser und Seife, Feuchttücher) Brotzeit gemacht. Eine Picknickdecke wird auf einer Wiese ausgebreitet, alle knien sich darauf und packen die im kleinen Rucksack selbst mitgebrachte Brotzeit aus. Bei Regen kann über der Picknickdecke eine Zeltplane aufgebaut werden oder man sucht Schutz unter Baumgruppen. Anschließend können nun die Kinder, wie auch auf dem Hin- und Rückweg, spielen und die Umgebung erforschen. Dies geschieht unter Aufsicht und Anleitung der Erzieher. Das spielerische Kennenlernen der Natur, Klettern, Singen, das kreative Einbinden der Natur in das Spiel stehen hierbei im Vordergrund. Auf unterschiedlichen Wegen zieht die Gruppe durch das Gelände. Die Kinder dürfen kleine Stücke alleine vorlaufen – immer bis zu fest vereinbarten Punkten, die alle kennen (z.B.: eine bestimmte Baumgruppe oder Weggabelung). Dort wird auf alle gewartet. Wenn die Gruppe wieder beisammen ist, dürfen die Kinder, die es am eiligsten haben, wieder zum nächsten Punkt starten. So wird die Gruppe allen Altersgruppen in ihrem jeweiligen Bedürfnis nach Bewegung gleichermaßen gerecht. Mittags geht die Gruppe wieder Richtung Bauwagen, wo das Mittagsessen um ca. 13 Uhr gegessen wird. Nach einem Abschlussritual können die Kinder noch auf dem Gelände rund um den Bauwagen spielen, bis die Eltern sie zwischen 14.30 und 15.00 Uhr abholen. Da der Tagesablauf sehr stark vom Wetter abhängig ist, wird er je nach Wettervorhersage gegebenenfalls abgeändert und zum Beispiel ein Kooperationstag gewählt. Bei strömendem Dauerregen oder extremen Minustemperaturen geht die Gruppe z.B. auch ins Deutsche Museum, in die Kinderbibliothek oder in andere Einrichtungen, die eine sinnvolle Ergänzung zum normalen Kindergartenalltag darstellen. Dies erfordert von allen Beteiligten ein hohes Maß an Flexibilität. Die Entscheidung eines wetterbedingten Planungswechsels liegt bei den Erziehern und dem Vorstand. Wetterfeste Kleidung ist daher unerlässlich. Eine komplette Ausrüstung mit Ersatzkleidung für jedes Kind wird im Bauwagen gelagert.
Während diverser Projektwochen werden an einem bestimmten Tag, dem so genannten Aktionstag, Experten und praxisbezogene Fachleute eingeladen, um den Kindern ein bestimmtes Thema anschaulich zu erläutern. (z.B. Stadtwerke bzgl. Isar und Isarkanal, Musikpädagogin, etc.). Ferner werden verschiedene Kooperationen angestrebt. Bei schlechter Witterung werden diese Kooperationstage fest in die Wochenplanung integriert. Beispiele angestrebter Kooperationen: Tierpark Hellabrunn, Sendlinger Kulturschmiede, Stadtgärtnerei Isarauen, Kletterzentrum München, Montessori Werkstatt Giesing, Bücherei, Theateraufführungen, Besuch bei der Polizei/Feuerwehr Ausflüge: Pro Jahr gibt es einen dreitägigen Aufenthalt auf einem Bauernhof mit den Erziehern und in Ausnahmefällen auch mit einzelnen Eltern.
Die Eltern der Flaucherfüchse übernehmen alle zusammen die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder und bringen sich aktiv in den Kindergarten ein. Die Vorstände und ihre Vertreter sprechen sich in regelmäßigen Teamsitzungen über die aktuellen Belange des Kindergartens ab. Zudem finden regelmäßig und in kurzen Abständen Elternabende statt, bei denen sich Eltern und Vorstand und Erzieher austauschen können. Alle Eltern übernehmen verschiedene Dienste, jeder nach seinem Können und seinen Möglichkeiten. Sie sind so weit wie möglich in den organisatorischen Ablauf des Kindergartens mit eingebunden.
Die Rolle der Erzieher ergibt sich zum einen aus dem pädagogischen Konzept des Naturkindergartens als solchem und zum anderen aus dem grundsätzlichen Berufsauftrag einer erzieherischen Fachkraft. Es wird erwartet, dass die jeweilige Erzieherin/der jeweilige Erzieher sich mit den Zielen und Konzepten des Naturkindergartens auseinandersetzt und identifiziert, dass sie/er sich als Partner und erzieherischer Begleitung aller Kinder gleichermaßen wahrnimmt und dass sie/er für ihre/seine Überzeugung eintritt auch im Dialog mit den Eltern.
Die primäre pädagogische Kraft im Naturkindergarten ist die Natur selbst. Durch unbegrenzten Raum, Stille und Zeit werden Kinder in der Entwicklung ihrer emotionalen Stabilität, ihrer Konzentrationsfähigkeit und Ausgeglichenheit angemessen unterstützt. Im direkten, kontinuierlichen Kontakt zur Natur üben Kinder Umsichtigkeit und Rücksicht mit ihr, es werden Gefühle von Vertrautheit in Bezug auf Pflanzen, Tiere, Erde und Wasser entwickelt, um sich letztendlich in der Natur „zu Hause“ zu fühlen. Dieses Gefühl, sich draußen „zu Hause“ zu fühlen, werden die Kinder ihr Leben lang in sich tragen. Menschen, die früh Natur vielfältig erleben können, wollen sie auch bewahren. Die Wertschätzung der Natur wirkt sich auf verantwortliches Handeln in allen Lebensbereichen der Zukunft aus. Wir gehen davon aus, dass Natur und Tiere, auch wenn sie bei uns städtisch geprägt sind, den Kindern ein großes Erfahrungs- und Lernfeld bieten. Die Kinder sollen durch den intensiven Kontakt mit der Natur vielfältige eigene Erfahrungen machen, Vertrauen und Mut in die eigenen Fähigkeiten entwickeln, aber auch persönliche Grenzen erleben. Die natürliche Umgebung bietet andere Grenzen als geschlossene Räume und den Kindern mehr Raum zur individuellen Entfaltung. Ihrem Bewegungsdrang werden wesentlich weniger Grenzen gesetzt. Dinge, die zum Spielen einladen, müssen erst gefunden werden. Der Einzelne kann sich nach seinen individuellen Neigungen beschäftigen und Aktivitäten ausprobieren, die im geschlossenen Raum nicht möglich wären: Der Naturkindergarten fördert ganz besonders den Orientierungssinn. Die Kinder lernen, sich „ihr“ Gelände vertraut zu machen und sich wichtige Geländemarken einzuprägen. Der Gleichgewichtssinn der Kinder wird durch den unebenen, nicht aufgeräumten Boden herausgefordert. Sie lernen, Hindernisse mit immer größerer Selbstverständlichkeit zu überwinden. Zudem verändert sich der natürliche Spielraum mit den Jahreszeiten, die gleiche Stelle ist einmal bunt bewachsen und mit kleinen Tieren belebt, dann wieder still und mit einer Schneedecke bedeckt. Die Zusammenhänge des Lebens von Tieren und Pflanzen werden deutlich. Kleine Tiere werden entdeckt und in aller Ruhe ausführlich betrachtet. Im Freien werden alle Sinne der Kinder angesprochen. So vergrößert sich ihre Aufmerksamkeit und sie erleben viele kleine elementare Sinneseindrücke. Zum Beispiel finden die Kinder in der Natur die unterschiedlichsten Materialien wie Moos, Lehm, Rinde, Steine, Zapfen, Bucheckern. Hartes und Weiches, Trockenes und Nasses, Glattes und Raues regen die Wahrnehmung durch die Haut an. Im Wechsel der Jahreszeiten treten viele unterschiedliche Gerüche auf. Wie riecht ein feuchter Blätterhaufen? In der Natur lohnt es sich auch, viel feiner hinzuhören als in einem geschlossenen Raum. Wie rascheln die Blätter? Wie hört sich der Regen an? Wie singen heute die Vögel? Zusätzlich setzt die ganzheitliche Sinnesanregung der kulturell bedingten Reizüberflutung etwas entgegen. Im modernen Leben wird der visuelle Kanal einseitig überbetont – stattdessen werden im freien Spiel in der Natur alle Sinne angesprochen. Wichtiger Aspekt im Naturkindergarten ist der Verzicht auf Spielzeug. Spielzeug lässt meist nur begrenzte Spielmöglichkeiten zu, während Naturmaterial freies Assoziieren von Spielmöglichkeiten zulässt und damit die Phantasie und Kreativität der Kinder wesentlich stärker fordert und fördert. Auch lernen Kinder, die mit weniger Spielzeug auskommen, kleine Dinge zu schätzen und ein Verständnis dafür zu bekommen, dass es nicht die Dinge sind, die uns glücklich machen, sondern z.B. Begegnungen mit anderen Menschen, Naturerfahrungen, spielerische Betätigungen und das Entdecken der eigenen Möglichkeiten.
Der situationsorientierte Ansatz ist die Grundlage für das pädagogische Handeln im Naturkindergarten. Hierbei geht es darum, Kinder in ihrer Lebenswelt zu autonomem und kompetentem Handeln zu befähigen und damit auf zukünftige Lebensanforderungen vorzubereiten. Der Ausgangspunkt ist dabei das Gruppengeschehen, das sich aus den unterschiedlichen Lebenssituationen der Kinder zusammensetzt. ErzieherInnen als Teil der Gruppe nehmen hierbei eine beobachtende und steuernde Rolle ein. Selbstverständlich gelten Regeln, die das gute Miteinander in der Gruppe ermöglichen. Wichtig für die Arbeit nach dem situationsorientierten Ansatz sind individuelle Freiräume, in denen die Kinder ihre Bedürfnisse und Ideen wahrnehmen und ihnen nachgehen können. Um Vertrauen und Mut in sich selbst finden zu können, sollen die Kinder sich in aktiven und selbstbestimmten Handlungs- und Erfahrungsräumen lustvoll mit den vielseitigen Dingen des Lebens auseinandersetzen können. Dadurch wird ein Prozess der wachsenden Lebenskompetenz in Gang gesetzt, zu dessen Unterstützung es wichtig ist, dass die Kinder ernst genommen werden und wir ihnen da begegnen, wo sie sich befinden, um sie dort nach ihren Anlagen und Fähigkeiten zu fördern. Dabei soll die Entwicklung verschiedener Kompetenzen unterstützt werden: Selbstkompetenz, soziale Kompetenz und Sachkompetenz.
Gerade in unserer Zeit der Reizüberflutung und des enormen Konsums brauchen Kinder Zeit für sich selbst. Deshalb nimmt das Freispiel einen besonders hohen Stellenwert ein. Die Kinder können im Freispiel ohne die Vorgaben von Erwachsenen ihren Lüsten und Kräften nachgehen und ihre Inhalte allein und gemeinsam ausleben und verarbeiten. Gerade Kinder, die es gewohnt sind, in ihrem Spiel sehr stark von Erwachsenen animiert zu werden, tun sich anfangs schwer damit, sich selbst etwas zum Spielen auszudenken. Hierbei sind der Kontakt mit den anderen Kindern und die Hinführung der pädagogischen Fachkräfte zum eigenständigen Spiel sehr heilsam. Im Freispiel findet im besonderen Maße soziales Lernen statt, die Kinder unterstützen sich gegenseitig bei Lösungsversuchen verschiedenster Art. Die Rolle der ErzieherInnen beim Freispiel ist es, die individuellen und sozialen Prozesse in der Gruppe zu beobachten und zu reflektieren. Daraus wird das weiterführende pädagogische Handeln mit kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen abgeleitet. Die ErzieherInnen schaffen den Rahmen, um die Entwicklung der Kinder bestmöglich zu fördern. Sie verzichten auf die Rolle als Allwissende und lassen sich auf offene Prozesse ein. Sie beobachten die Eigenregie der Kinder. Sie unterstützen die individuellen und gemeinsamen Prozesse und fördern die Kommunikation und Gespräche in Kleingruppen, die im situativen Arbeiten eine wesentliche Rolle spielen. Sie versuchen, die vielen Fäden miteinander zu verknüpfen, um den Möglichkeiten eigener Lösungswege Raum zu geben. Dabei geben sie immer auch neue Impulse und Anregungen.
In unserem Kindergarten sind geimpfte und ungeimpfte Kinder willkommen. Wir freuen uns, dass die Entscheidung, ob ein Kind geimpft wird, den Eltern obliegt und wünschen uns, dass das auch in Zukunft so bleibt. Aktuelle und zukünftige gesetzliche Vorgaben, z.B. das Melden einer fehlenden Impfberatung an das Gesundheitsamt, werden selbstverständlich gewissenhaft umgesetzt.
Wir befürworten ein ganzheitliches Ernährungskonzept. Das Mittagessen ist derzeit biologisch und vegetarisch mit gelegentlichen Fischgerichten. Zu festlichen Gelegenheiten wird oft auch Fleisch gegrillt, was die Kinder immer sehr gerne auskosten. Wir achten auf Wunsch der Eltern darauf, dass ihr Kind kein Schweinefleisch isst. Veganer sind bei uns willkommen, wenn sie dieses Konzept respektieren.